Langsam setzte ich mich auf, die Knochen schmerzten schon seit einiger Zeit, doch Abhilfe konnte mir mein Mensch nicht geben. Ich spürte seine Leiden, wenn er mich sah, begriff ich, wie viel ich ihm bedeutete. Doch jeder Schritt schmerzte mir und es schien, als würde ich kaum mehr Luft bekommen. Keuchend schritt ich durch die Wohnung. Meine Krallen tapsten über den Boden. Mein Mensch blickte mich an. Sanft begann ich mit dem Schwanz zu wedeln, röchelt, da ich mich verschluckt hatte. Seine sanften Worte, jene, die ich in meinem langen Leben nie auch nur einmal verstanden hatte, klangen Sanft und beruhigend, doch er konnte seine Ängste nicht vor mir verbergen, seine Trauer. Mein Kopf legte sich auf seine Knie, die warme Hand umstrich mein Gesicht. „Du musst nicht um mich Trauern! Ich bin noch hier!“ versuchte ich ihm zu sagen, doch er konnte meine Worte auch nicht verstehen. Ein leises fiepen entglitt meiner Kehle, Trauer umschlang mein Herz, so wie seins, wenn unsere Blicke sich trafen. Ich hatte es doch immer so gut bei ihm, warum war er dann solcher Sorge, solchem Kummer ausgesetzt?
Was war los?
Sicher, ich war alt, hatte meine Wehwehchen, aber so Alt war ich nun auch wieder nicht. Oder doch? 16 Winter habe ich gezählt. 16 Winter, in denen meine Beine immer durch den Schnee wirbelten, als wäre ich ein Jungspund.
Langsam legte ich mich in mein Körbchen. Nicht verstehend, warum alle traurig waren, gab ich mich meiner eigenen Gedanken hin.
Gedanken, die sich zu einem Traum etablierten. Einen Traum, den ich niemals wieder Träumen will. Ich rannte. Es war Dunkel und weiße Menschenhände griffen immer wieder nach mir. Kalt waren diese, kalt und hart umgriffen sie meinen Körper.
Ich schrecke auf, schnappte nach Luft.
Schmerz durchzuckte meinen Körper, angeführt vom Herzen. Die Welt, wie ich sie kenne, begann sich zu drehen. Immer wieder kam der Schmerz in Wallen über meinen Körper, bis ich spürte, wie mein Körper zu Boden ging und meiner Kraft beraubt war. Zitternd begann ich zu jaulen, bekam kaum noch Luft. Was um aller Hundewelten ging hier vor sich? Als der Schmerz und die Müdigkeit jäh weggingen, richtete ich mich auf. Hustend, Krampfend. Panik umfloss meinen Körper. Bekam keine Luft. Ich spürte, wie jemand meinen Körper in die Luft hob und hinaus in die kühle Nacht rann. Panik umfloss also nicht nur mich, sondern auch meinen Herrn. Welche Pein! Nun hatte er Angst um mich, ich war schuld, dass er leiden muss. „Habe keine Angst, mir geht es gut!“ wollte ich ihm sagen, doch er verstand nur Gewinsel und seine Sorgen wuchsen in die Höhe.
Ich erwachte auf einem kalten Tisch. Helles Licht spiegelte sich in meinen Augen wieder. Meine Nase zuckte. Tierarzt! Der Geruch der Angst erfüllte auch meinen Körper mit Angst. Ich röchelte, wollte aufstehen, doch meine Beine gaben nach. Wo war mein Mensch? Als hätte er es gehört, streichelte er mich sanft über den Rücken. Schluchzend kamen ein paar laute aus seiner Kehle. Heiße Tränen rannen über das menschliche Gesicht. Warum Weint er denn? Fragte ich mich und leckte ihm über die Hand. „Nicht weinen. Nicht weinen…“ fiepte ich und legte meinen Kopf wieder auf die kühle Platte. Benommen bemerkte ich wie der Tierarzt hinein kam. Dann spritze er etwas in meine Vene. Ich spürte, wie das kalte Zeug meine Venen empor schoss. Müdigkeit breitete sich in meinem Körper aus. „Mein Freund, du hast doch gar nichts gemacht… bitte… nicht… weinen!“ Meine Rute zuckte, meine Zunge leckte, dann schlossen sich meine Augen. Dunkelheit umfing mich. Hörte meinen Herzschlag, wie er langsamer wurde. Und schließlich aufhörte. Leichtigkeit umfing nun mein Herz, trieb die graue Müdigkeit weg. Irgendwo in weiter Ferne sah ich ein kleines Licht. Freudig sprang ich drauf zu. „Mein Mensch, mein Mensch, ich bin gleich bei dir!“ rief ich laut bellend aus, doch als ich durch die leuchtende Wand trat, war kein Mensch zu sehn. Es stutze mich, als sich vor mir eine große Wiese auftat. Sie blühte wunderschön und Schmetterlinge waren dort zu finden, und Bienen und weiter hinten ragten Bäume empor. Freudige Erregung packte mich bei dieser Gegend und meine Glieder explodierten förmlich. Wild jagte ich über die Wiese. Immer wieder lies ich meine Tatzen auf die warme Erde niederfallen, streckte meine Schnauze gegen den Wind, saugte jeden Geruch ein, jedes laut vernehmend. Dann erblickte ich andere Hunde. Meine Rute ging schnell hin und her. „Hallo ihr da!“ rief ich bellend und sprang in großen Sätzen auf sie zu. Welpische Gefühle, die in mir aufsteigen. Ein großer dicker Teddy sprang mir entgegen. „Hallo kleiner!“ gab er mit einem dunklen Laut von sich. Kleiner? Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Glieder nicht mehr schmerzten, dass ich mich jung und frisch anfühlte, dass selbst die Luft wieder frisch und frei durch meine Lungen strömte. Andere Tiere begaben sich aus dem Wald und dort erblickte ich auch Menschen. Mein Mensch? Ich suchte mit den Augen die Gegend ab. Nichts. „Wo… wo bin ich hier?“ winselte ich leise. Die hübsche Dalmertinerhündin sprang hervor und begann mich mit mütterlichen Küssen abzudecken. „Du bist im Jenseits. Du bist Tod mein Kleiner. Wir alle sind es!“ Ich kann es nicht fassen. Benommenheit breitete sich aus wie ein Lauffeuer. „Tod?!“ fragte ich ungläubig aber tief im inneren vernahm ich die andere Stimme, die es schon längst wusste. Doch ich hatte keine Erinnerungen mehr. Nur das Bild meines Menschen war geblieben. Und der Schmerz, nein, eher die Erlösung, die hatte ich noch im Gedächtnis. Was sollte ich nun machen? Alleine? Ich drehte mich um, als ein starker Windhauch mir den duft dieses Landes entgegen blies. Ich erblickte den wunderschönen Regenbogen und zum ersten mal, erblickte ich die Farben. Volle, satte Farben. Mein Herz wurde wieder ruhiger, leichter, freier. Und auf einmal wusste ich, was ich zu tun hatte. Die Muskeln spannten sich, mein Herzschlag beschleunigte sich, dann schob ich meinen Körper nach vorne und preschte über die Wiese auf den Regenbogen zu. Freudig bellend bemerkte ich, dass die anderen es mir gleich taten. Alles war für den Augenblick vergessen. Und eh ich mich versah, war ich wieder dort, wo ich angefangen hatte zu rennen. Verwirrt blickte ich mich um. Da stand er, hoch gewachsen, mit seinem dichten Haar, das ihm immer wieder ins Auge fällt. Sein Mensch! Jung und Schön, wie er ihn in Erinnerung hatte. Ich bemerkte, wie sich seine Augen weiteten, er seine Hände begutachtete, sich an seinen Körper hinunter tastete und wie er dann seinen Blick schweifen lies, und auf mir hängen blieb. Meine Rute schlug um meine Flanken, ein dunkles, freudiges Knurren drang durch meine Kehle und dann setzte ich an, sprang in seine Arme, die nur für mich weit aufgerissen waren. Er drückte mich freudig an seinen Körper. Ich spürte seine Erleichterung und seine stummen Fragen. Doch ich leckte ihm als Antwort durch sein Gesicht. Ja, das war es, was ich wollte. Und nun sind wir für alle Ewigkeiten zusammen. Für immer!
Copyright by Nadine Dinstühler
das hat meine Tochter selbst geschrieben
LG Sabine